Souss
Eine ummauerte Stadt im Souss-Tal und ein Bergort im Anti-Atlas, in dem Safran von Hand geerntet wird. Zwei Stationen im Hinterland von Agadir.
Auf einen Blick
Hinterland von Agadir
Landeinwärts verändert sich das Bild: Aus Küste und Promenade werden Felder, Mauern aus Lehm und schliesslich die Hänge des Anti-Atlas. Das Souss-Tal verbindet diese Welten.
Stadt und Berg
Taroudant ist eine Stadt mit langer Mauer, Toren und Märkten. Taliouine liegt höher und ist bekannt für Safran, den Familien und Genossenschaften im Herbst von Hand ernten.
Argan, Mauern und Berge
Das Souss-Tal ist die Kornkammer des Südwestens. Zwischen dem Hohen Atlas im Norden und dem Anti-Atlas im Süden fliesst der Oued Souss, und die Ebene trägt Orangen, Zitrusfrüchte und Gemüse, das im Winter nach Europa geliefert wird. Auf den trockeneren Hängen wächst ein Baum, den es in dieser Form fast nur hier gibt: der Arganbaum. Die UNESCO hat die Arganwälder im Südwesten 1998 zum Biosphärenreservat erklärt. Aus den Kernen der Früchte pressen Frauenkooperativen Arganöl, das in der Küche und in der Kosmetik verwendet wird. Die Ziegen, die auf den Bäumen stehen, gibt es wirklich, an einigen Strassenrändern stehen sie allerdings eher für Fotografen.
Die Menschen sprechen hier Tachelhit, die Sprache der Berber im Südwesten, die Schilder sind oft zusätzlich in der Tifinagh-Schrift geschrieben. Man begegnet ihr an Läden, Schulen und öffentlichen Gebäuden.
Taroudant, die kleine Schwester
Taroudant wird oft «Klein-Marrakesch» genannt, weil die Mauern und Tore ähnlich aussehen, die Stadt aber ruhiger und weniger touristisch ist. Die Wehrmauer aus Stampflehm ist rund sieben Kilometer lang und umschliesst die Altstadt komplett. Im 16. Jahrhundert diente die Stadt den Saadiern als Ausgangspunkt, bevor sie ihre Hauptstadt nach Marrakesch verlegten. Auf den Märkten werden Gewürze, Leder, Silberschmuck und Teppiche verkauft, und am Abend beginnt das Leben auf dem Platz Assarag.
Wer die Mauern abfahren will, nimmt eine der Kutschen, mit denen Einheimische und Besucher um die Stadt fahren, oder geht zu Fuss und beginnt bei einem der Tore. Die Mauern leuchten am späten Nachmittag in einem warmen Ocker.
Safran und der Weg nach Taliouine
Taliouine liegt rund 80 Kilometer östlich von Taroudant an der N10, dort wo der Anti-Atlas an den Hohen Atlas stösst. Der Ort lebt vom Safran. Die Krokusse, Crocus sativus, blühen nur wenige Wochen im Herbst, meist ab Ende Oktober. Die Blüten werden im Morgengrauen gepflückt, noch bevor die Sonne sie öffnet, und die drei roten Fäden jeder Blüte werden von Hand herausgelöst und getrocknet. Für ein Gramm sind je nach Quelle 150 bis 200 Blüten nötig, das erklärt den Preis. Im Frühling, als wir da waren, ist davon nichts zu sehen, aber die Genossenschaften verkaufen das ganze Jahr.
Die Strecke dorthin führt durch Orangenhaine, dann in Serpentinen an den Hang. Über der Stadt liegt eine alte Kasbah, die zur Familie der Glaoui gehörte. Wer Safran kauft, sollte auf Fäden statt Pulver achten, denn Pulver lässt sich leicht strecken.
Mit dem Mietwagen
Beide Orte gehören zu den Stationen der Reise. Von Agadir führt die Strecke durch das Souss-Tal zuerst nach Taroudant und weiter auf der N10 nach Taliouine.
Unsere Reise
Orte im Souss
Taroudant
Taroudant fällt zuerst durch seine Mauer auf: eine ockerfarbene Linie aus Stampflehm, mit Zinnen, Türmen und mächtigen Toren. Die Angaben zur Länge schwanken zwischen sechs und acht Kilometern, neun Tore sind bis heute in Gebrauch. Die Stadt liegt mitten im Souss-Tal im Südwesten Marokkos, östlich von Agadir an der Strasse nach Ouarzazate. Sie wird oft Klein-Marrakesch genannt, weil sie ähnlich ummauert und von Märkten geprägt ist, aber deutlich ruhiger und kleiner bleibt.

Als Ursprung wird gelegentlich die antike Siedlung Vala vermutet, gesichert ist das nicht. Die Almoraviden besetzten den Ort 1056. Mitte des 15. Jahrhunderts liess sich in der Nähe, im Ort Tidsi, die Familie Banu Zaydan nieder, aus der die Saadier-Dynastie hervorging; Tidsi war bis 1513 Sitz ihres ersten Anführers al-Qa'im. Nach Angaben marokkanischer Medien geht der heutige Verlauf der Stadtmauer auf die Saadier-Zeit im 16. Jahrhundert zurück. Taroudant gilt deshalb als Stadt, in der die Saadier ihre frühe Machtbasis hatten.
Im 17. Jahrhundert stützte sich der lokale Anführer Sidi Yahya auf Taroudant und half Sultan Moulay Zaydan gegen den Rebellen Abu Mahalli. Die Stadt verlor wirtschaftlich, als 1760 der Hafen von Agadir für den Handel geschlossen wurde. Im späten 19. Jahrhundert festigte Sultan Hassan I. die Kontrolle, und 1903 stellte der Qa'id Tayyeb al-Goundafi die Ordnung wieder her. Seit 1912 diente Taroudant Ahmed al-Hiba als Hauptstadt im Widerstand gegen das französische Protektorat. Die Franzosen übernahmen die Stadt 1917.
Zur Geschichte gehört auch eine jüdische Gemeinde, die nach der Überlieferung auf das 11. Jahrhundert zurückgeht und zeitweise rund zehn Prozent der Bevölkerung ausmachte. Ihre Mitglieder waren vor allem im Karawanenhandel tätig. Die Lage am Rand des Anti-Atlas an Wegen in den Süden und nach Marrakesch erklärt, warum Händler hier lange eine Rolle spielten. Heute lebt im Ort kaum noch jemand aus dieser Gemeinde, Spuren sind meist nur noch in Strassen- und Hausnamen zu finden.
Heute ist Taroudant eine Provinzstadt mit 80 149 Einwohnern (Zählung 2014). Die beiden Hauptplätze heissen Assarag und Talmoklate, an beiden liegt ein Souk, in dem Gewürze, Kunsthandwerk, Textilien und Alltagswaren verkauft werden. Zusätzlich findet ausserhalb der Mauern ein wöchentlicher Markt statt. Das Souss-Tal ist eine Agrarregion, und die Stadt ist Handelsplatz für das Umland. Wer zu Fuss durch die Altstadt geht, sieht Handwerker bei der Arbeit, Cafés mit Männern beim Tee, Mopeds und Kutschen auf den Plätzen.
Von Agadir sind es rund 80 Kilometer, die Strecke führt durch die Ebene des Souss. Taroudant liegt an der N10, die weiter nach Taliouine und über den Anti-Atlas nach Ouarzazate führt. Damit ist die Stadt Zwischenstation zwischen Küste und Bergen und ein Kontrast zu Agadir, das 1960 neu aufgebaut wurde: Hier stehen Mauern, die Jahrhunderte älter sind als die Neustadt an der Küste.
Gut zu wissen: Die Mauer ist lang, für einen Rundgang bieten sich Kutsche oder Auto an. Märkte sind am Vormittag und frühen Abend am lebhaftesten, den Wochentag des Markts ausserhalb der Mauern vor Ort erfragen. Preise dürfen freundlich verhandelt werden, auf Taschen achten. Menschen nur nach Nachfrage fotografieren. Wasser und Sonnenschutz einplanen, in der Mittagshitze lohnt sich eine Pause im Schatten. Öffnungszeiten der Souks vor Ort prüfen.
Taliouine
Taliouine liegt im Anti-Atlas an der N10 zwischen Taroudant und Ouarzazate, je nach Quelle auf rund 1100 bis 1200 Metern Höhe. Die Hänge rundum sind karg und felsig, im Süden erhebt sich das Siroua-Massiv, ein erloschener Vulkan mit 3305 Metern Höhe an der Grenze von Hohem Atlas und Anti-Atlas. Südlich des Ortes steht die Kasbah du Glaoui, heute grösstenteils Ruine; sie diente im frühen 20. Jahrhundert als Residenz des Paschas von Marrakesch. Entlang der Strasse reihen sich Läden mit Gläsern voller roter Fäden.

Taliouine gilt als Zentrum des marokkanischen Safrananbaus. Der Safran stammt vom Crocus sativus, dessen Blüten im Herbst erscheinen. Jede Blüte trägt drei rote Narben, die Safranfäden. Für ein Kilogramm braucht es etwa 140 000 bis 150 000 Blüten. Die Ernte beginnt Ende Oktober und dauert rund einen Monat. Sie startet höher am Berg, bei etwa 1500 Metern, und wandert nach unten zum Ort. Ein einzelnes Feld wird etwa zehn Tage bis zwei Wochen lang gepflückt.
Gepflückt wird von Hand, meist von Frauen, früh am Morgen, bevor sich die Blüten öffnen. Anschliessend werden die drei Narben aus jeder Blüte gezupft, Blütenblätter und Staubfäden aussortiert, und die Fäden getrocknet, traditionell an der Sonne oder in Räumen. Die Arbeit ist aufwendig, daher der hohe Preis. Die Pflanze braucht nur wenig Wasser und wächst auf Terrassen am Hang, wo andere Kulturen schwerer gedeihen.
Das Rückgrat der Produktion sind Genossenschaften. Es gibt rund drei Dutzend im Gebiet. Die Cooperative Souktana du Safran wurde 1979 gegründet und hatte nach einem Bericht von 2013 154 Mitglieder, 1098 Hektar Land und 275 Hektar Safranfläche. Für 2012 nennt derselbe Bericht eine Ernte von 4000 Kilogramm, die 98 Prozent der marokkanischen Produktion ausgemacht hätten. Der Safran trägt die geschützte Herkunftsbezeichnung Safran de Taliouine. Zahlen aus dieser Quelle sind älter und können sich verändert haben.
Zur Erntezeit findet im Oktober oder November das Internationale Safranfest statt, mit Ausstellungen, Workshops und Folklore, unterstützt vom Landwirtschaftsministerium. Die Genossenschaft Souktana und das Maison du Safran zeigen Verarbeitung und Verkauf. Ausserhalb der Erntezeit sind vor allem diese Einrichtungen und die Läden an der Strasse zu besuchen, die Ernte selbst findet im Herbst statt.
Von Taliouine aus sind weitere Ziele erreichbar: die Gorges de Tislit, rund 40 Kilometer südlich, Wandergebiete im Siroua-Massiv und nach Osten die Strecke Richtung Tazenakht. Nach Westen führt die N10 nach Taroudant und weiter ins Souss-Tal bis Agadir. Wer beide Orte besucht, sieht zwei Arten von Handel: den Stadtmarkt in Taroudant und die Spezialkultur im Gebirge.
Gut zu wissen: Die Ernte läuft ungefähr Ende Oktober bis Ende November, der genaue Zeitraum hängt von Wetter und Höhe ab, vor Ort erfragen. Beim Kauf auf Herkunftsbezeichnung und Verpackung achten, am besten bei einer Genossenschaft. Preise vor Ort prüfen. Die N10 führt über Bergstrassen, dafür Zeit einplanen. Am Morgen kann es in der Höhe kühl sein. Öffnungszeiten der Genossenschaft und Termine des Safranfests vor Ort prüfen.