Anderswo
Koffer, Kamera, Kilometer.
Ein Koffer, eine Kamera und die Frage, was hinter der nächsten Kurve liegt.
Warum wir reisenReisen
Warum wir reisen.
Der offene Koffer
Er steht schon Tage vorher im Gang, halb gepackt, und verändert die Wohnung. Plötzlich ist der Alltag nur noch Zwischenzeit. Wir sind eine ganz normale Familie, keine Abenteurer, keine Blogger, mit Arbeit, Schule und Waschmaschine. Dass wir trotzdem immer wieder aufbrechen, folgt keinem grossen Plan. Es hat mit einem Gefühl zu tun, für das wir irgendwann einen Namen wollten. Wir haben es Anderswo genannt.
Anderswo ist kein Ort
Im Atlas steht es nicht. Es beginnt dort, wo die Dinge nicht mehr selbstverständlich sind: Das Brot riecht anders, die Strasse folgt anderen Regeln, das Licht fällt in einem Winkel, den man nicht kennt. Man wird wieder Anfänger. Man liest Schilder, die man nicht versteht, und lernt in zwei Tagen mehr als im Monat davor.
Das ist das Eigentliche am Reisen, nicht das Ankommen, sondern dieses Wachwerden. Zuhause sehen wir vieles nicht mehr. Unterwegs sehen wir wieder die Kante eines Daches, den Dampf über einer Tasse, den Gang der Leute am Abend.
Wo es anfing
Eigentlich begann es lange vor uns beiden, auf der Rückbank eines vollgepackten Autos. Der eine von uns ist mit Reisen gross geworden: die lange Fahrt zu den Grosseltern nach Kroatien, ans Meer, auf dem Weg durch Italien, mit einem Abstecher nach Venedig, weil es am Weg lag. Für uns war das normal. Die Familie lebte in einem anderen Land, und wer sie sehen wollte, fuhr. Später zogen die Eltern selbst dorthin, und aus den Besuchen wurden Heimfahrten.
Für die andere von uns war es neu. Sie ist in der Schweiz aufgewachsen, und Reisen war etwas, das andere machten. Wir haben beides zusammengebracht, das Vertraute der langen Strecke und das Staunen über das, was zum ersten Mal vor einem liegt. Das haben wir seither nie mehr abgelegt.
Seither
Unsere Hochzeitsreise führte nach Thailand, auf Koh Samui. Von dort aus zeigte sich, wohin es uns immer wieder zieht: ans Wasser. Ans Meer in Kroatien, auf die Inseln, nach Sardinien, an die Côte d’Azur, an die spanische Küste. Und ins Flache, Weite, Graue: nach Holland, mit seinen Wasserstrassen, und an die Nordsee mit ihrem Wind. Es ist nie dasselbe Meer, aber es ist immer dieselbe Sehnsucht.
Dazu kamen Städte, jede mit eigenem Takt: Amsterdam, Barcelona, London, München, Berlin, Mailand, New York. Länder, die man mehr durchquert als bereist, Österreich, Polen, Griechenland, immer wieder Frankreich und Italien. Und Wochen am Stück an Orten, an denen man sich einrichten kann, wie in Florida. Wir kennen Küsten und Altstädte, Raststätten und Hinterhöfe, Fähren, die zu spät kamen, und Strassen, die plötzlich aufhörten.
Jeder dieser Orte hat uns etwas anderes beigebracht. Und doch blieb überall derselbe Moment: der erste Abend, an dem der Koffer endlich zu ist und man merkt, dass man angekommen ist.
Am Tisch der anderen
Wer verstehen will, wo er ist, setzt sich an einen Tisch. In eine Küche, in der seit Generationen nach demselben Rezept gekocht wird. An eine Strassenecke, wo der Teller auf dem Knie landet. Zu einem Wirt, der uns erklärt, was wir gerade essen, obwohl wir ihn nur halb verstehen. Essen ist die einfachste Sprache der Welt. Man braucht kein Vokabular, nur einen Löffel und die Bereitschaft zu probieren.
Freunde auf der anderen Seite der Karte
Irgendwann merkt man, dass sich etwas verschoben hat. Auf der Weltkarte im Kopf stehen nicht mehr nur Länder, sondern Gesichter. Man schreibt sich danach Nachrichten. Man schickt Fotos von der Familie und bekommt Fotos zurück. Man hat plötzlich überall auf der Welt jemanden, bei dem man anklopfen dürfte, und jemanden, dem man selbst die Tür offen halten möchte.
Abschalten, auch wenn es nicht ruhig war
Reisen war für uns immer auch ein Ausweg aus dem Alltag. Der Kalender bleibt zuhause, das Telefon wird leiser, und der Kopf hört auf, Listen zu schreiben. Das heisst nicht, dass es immer entspannt war. Es gab lange Fahrten, müde Gesichter und Pläne, die nicht aufgingen. Und trotzdem stellte sich meistens nach ein, zwei Tagen dieses Gefühl ein: Wir sind woanders. Nicht erholt im Sinn eines Prospekts, aber freier. Wir haben gelernt, dass das reicht.
Ohne besser zu sein
Reisen macht nicht von allein klüger. Es kann auch eingebildeter machen: Schaut her, was ich schon gesehen habe. Wir versuchen das Gegenteil. Wer in ein fremdes Land kommt, ist Gast, und ein Gast fragt, bevor er urteilt. Die Dinge, die uns anfangs seltsam vorkamen, hatten fast immer einen guten Grund: der Verkehr, die Mittagsruhe, die Art zu grüssen, wie lange man isst, wie nah man beieinandersteht.
Wir sind nicht besser zurückgekommen. Wir sind weicher zurückgekommen, bescheidener und etwas weniger sicher, dass unsere Art, die Dinge zu tun, die einzige ist. Für ein paar Wochen Ferien ist das keine schlechte Ausbeute.
Der Horizont
Der Horizont wird nicht weiter, weil man weit weg fährt. Er wird weiter, weil man jemandem zuhört. Nachrichten bekommen ein Gesicht. Wenn von einem Land die Rede ist, in dem wir waren, denken wir nicht an Schlagzeilen, sondern an eine Strasse, einen Markt, eine Stimme. Und umgekehrt sehen wir die eigene Heimat mit anderen Augen. Wir merken, was bei uns selbstverständlich ist und was nicht, und wofür wir dankbar sein dürfen.
Weitergeben
Wir haben das von unseren Eltern mitbekommen, und wir geben es weiter. Unsere Kinder sollen erfahren, dass die Welt gross ist, aber nicht fremd. Dass man anderswo willkommen sein kann, wenn man selbst willkommen heisst. Es ist das Geschenk, das wir damals bekommen haben, ohne es so zu nennen.
Heimweh in beide Richtungen
Das Merkwürdigste am Reisen ist das Heimweh, das man in beide Richtungen spürt. Kaum sind wir weg, fehlen uns zuhause das eigene Bett und der gewohnte Kaffee. Und kaum sind wir zurück, fehlt uns das Licht von dort. Ein Teil bleibt immer anderswo. Wir haben aufgehört, das als Mangel zu sehen. Es ist der Beweis, dass man wirklich dort war.
Weiterreisen
Diese Seite ist unser Versuch, das aufzuheben: Orte, Wege, Teller, Fotos. Keine Rangliste, nur das, was wir gesehen haben und gern weitergeben. Vielleicht findest du hier eine Idee für deinen eigenen offenen Koffer. Und wenn dir unterwegs jemand in seiner Sprache einen guten Tag wünscht, wünsch ihn zurück. Der Rest ergibt sich.