Lyon
Lyon liegt dort, wo Saône und Rhône zusammenfliessen, und verbindet römische Stufen, Renaissance-Höfe und Seidenweberhügel mit einer Tischkultur, die man am besten selbst probiert.
Auf einen Blick
Eine Stadt zwischen zwei Flüssen
Lyon ist aus dem Wasser gewachsen. Die Römer gründeten hier Lugdunum, weil sich Saône und Rhône treffen, und noch heute bestimmen die beiden Flüsse den Rhythmus der Stadt. Auf der Halbinsel dazwischen liegt das Zentrum, links und rechts steigen die Hügel an.
Hügel, Höfe und Geschichte
Auf Fourvière thront die Basilika neben den römischen Theatern, am Fuss des Hügels verbindet das Vieux Lyon seine Gassen durch die Traboules. Gegenüber, auf der Croix-Rousse, webten die Canuts jahrzehntelang Seide. Das historische Zentrum steht auf der UNESCO-Welterbeliste.
Essen als Alltagskultur
Lyon ist in Frankreich als Stadt der guten Küche bekannt. Auf dem Markt in den Halles, in den Bouchons oder auf einem Spaziergang durch die Quartiere merkt man, dass Essen hier ein fester Bestandteil des Tages ist.
Von Lugdunum bis heute
Die Römer gründeten Lugdunum 43 v. Chr. auf dem Hügel von Fourvière. Die Stadt wurde Hauptstadt der drei gallischen Provinzen, der spätere Kaiser Claudius kam hier zur Welt, und im Amphitheater der drei Gallien starben 177 n. Chr. die ersten Märtyrer der Region. Im Mittelalter geriet Lyon unter den Einfluss der Erzbischöfe, später wurde es zur Messestadt der Renaissance, in der Bankiers aus Florenz Geschäfte machten. Davon zeugen die Stadtpaläste im Vieux Lyon, mit Innenhöfen und Wendeltreppen.
Die Stadt hat heute rund 520’000 Einwohner, im Grossraum leben gut anderthalb Millionen. Sie ist Sitz von Interpol und gilt als eines der wichtigsten Wirtschaftszentren des Landes. Das merkt man an den Hochhäusern von La Part-Dieu, an den Tramlinien und daran, dass man im Zug aus Paris nach etwa zwei Stunden in einer anderen Welt ankommt.
Seide, Licht und Kino
Seit dem 16. Jahrhundert wird in Lyon Seide gewebt. Im 19. Jahrhundert arbeiteten an den Hängen der Croix-Rousse Zehntausende Seidenweber, die Canuts, an Jacquard-Webstühlen, die in hohen Räumen standen. Die Häuser haben deshalb ungewöhnlich grosse Fenster und hohe Decken. Die Weber lebten ärmlich und erhoben sich 1831 und 1834 gegen ihre Auftraggeber, Aufstände, die blutig endeten und in die Arbeitergeschichte eingingen.
Auch das Kino hat Wurzeln in der Stadt. Die Brüder Auguste und Louis Lumière stammten aus Lyon, 1895 drehten sie hier den kurzen Film über die Arbeiter, die ihre Fabrik verlassen, und im Dezember desselben Jahres zeigten sie in Paris erstmals zahlenden Zuschauern bewegte Bilder. Jeden Dezember verwandelt das Lichterfest «Fête des Lumières» rund um den 8. Dezember die Stadt in ein Lichtspiel. Der Ursprung ist ein Gelübde an die Jungfrau Maria, heute stehen Installationen an den Fassaden und Kerzen auf den Fensterbänken.
Küche, Bouchons und Mütter
Lyon gilt als Hauptstadt der französischen Küche, weil hier nicht nur gekocht, sondern über Essen verhandelt wird. Die «Mères lyonnaises», Köchinnen, die im 19. und 20. Jahrhundert Bürgerküche zu Kunst erhoben, prägten den Ruf. Paul Bocuse machte die Stadt im 20. Jahrhundert endgültig zum Pilgerziel, und die Markthalle Les Halles de Lyon trägt seinen Namen. Er starb 2018.
Im Bouchon, dem typischen Lokal, kommt auf den Tisch, was kräftig und ehrlich ist: Salade lyonnaise mit Speck und pochiertem Ei, Quenelles, Saucisson brioché, Andouillette für Mutige, danach die Cervelle de canut, ein Frischkäse mit Kräutern, der trotz seines Namens keine Hirnmasse enthält. Als Dessert die rosa Pralinentorte. Dazu trinkt man Beaujolais oder Wein von der Rhône, das Glas ist klein, der «Pot» eine Flasche mit dickem Boden. Wer abends essen will, reserviert besser, die guten Bouchons sind klein und gefragt.
Unterwegs in Lyon
Lyon ist zu Fuss und mit der Bahn einfach. Vier Metrolinien, Trams und zwei Standseilbahnen, die «Ficelles», führen von der Altstadt auf den Fourvière. Wer das Auto hat, lässt es besser am Rand stehen, das Zentrum ist eng. Besonders schön ist der Weg an den Ufern, die auf beiden Seiten zum Spazieren einladen, und im Sommer sind die Quais von Menschen gefüllt. Am angenehmsten ist Lyon im Frühling und Herbst, im Hochsommer sind die Strassen heiss, und die Stadt ist ruhiger, weil viele Einheimische in den Urlaub fahren.
Unsere Reise
Orte in Lyon
Vieux Lyon und die Traboules
Zwischen der Saône und dem steilen Hang von Fourvière drängen sich die Häuser des Vieux Lyon dicht an dicht. Farbige Fassaden, Kopfsteinpflaster und Gassen, in denen jedes Geräusch von den Wänden zurückkommt, bestimmen das Bild. Das Viertel gliedert sich von Norden nach Süden in Saint-Paul, Saint-Jean und Saint-Georges, benannt nach den drei Kirchen, die einmal die Mittelpunkte der Quartiere bildeten. Das historische Zentrum von Lyon steht seit 1998 auf der UNESCO-Welterbeliste, und das Vieux Lyon macht darin den Teil aus, der am Ufer der Saône liegt.

Die Bauten stammen zu einem grossen Teil aus dem 15. und 16. Jahrhundert, als Lyon durch seine Messen und den Seidenhandel zu Wohlstand kam und Kaufleute und Bankiers, darunter viele aus Italien, hier Stadthäuser bauten. Davon zeugen die Höfe: Arkaden und offene Galerien, Treppentürme mit Wendeltreppen, Säulen und Steinbalustraden, die an florentinische Palazzi erinnern. Von der Gasse aus sieht man davon fast nichts. Eine unscheinbare Tür, ein dunkler Gang, und plötzlich steht man in einem stillen Innenhof.
Diese Durchgänge heissen Traboules, vom lateinischen «trans ambulare», hindurchgehen. Sie führen von einer Strasse zur nächsten durch ein oder mehrere Häuser und über Höfe, die zum Teil über Treppen verbunden sind. Schätzungen nennen 400 bis 500 Traboules in der ganzen Stadt, die ersten sollen bis in die Spätantike zurückgehen. Für Handwerker und Händler waren sie Abkürzungen zwischen Fluss, Werkstatt und Markt. Im Zweiten Weltkrieg nutzte die Résistance sie, um sich unbemerkt durch die Quartiere zu bewegen und der Gestapo zu entkommen.
Drei Adressen werden immer wieder genannt. Der längste Durchgang des Viertels beginnt an der Rue Saint-Jean 54, führt durch mehrere kleine Höfe und kommt an der Rue du Bœuf wieder heraus. An der Rue du Bœuf 16 steht die Tour Rose, ein mittelalterliches Haus mit einer Wendeltreppe, die erst seit den 1970er-Jahren rosa gestrichen ist. Die Maison des Avocats an der Rue Saint-Jean 60 stammt aus dem 14. Jahrhundert, ursprünglich eine Herberge für Gehilfen von Juristen, und trägt rosafarbene Arkaden.
Öffentlich zugänglich ist nur ein kleiner Teil, rund zehn Prozent oder etwa 40 Durchgänge. Wo die Stadt die Sanierung eines Hauses mitfinanziert hat, verpflichten sich die Eigentümer, den Durchgang tagsüber zwischen 8 und 19 Uhr offen zu halten. Manche Türen bleiben trotzdem verschlossen, und hinter den Fassaden wohnen Menschen, denen der Besucherstrom nicht immer recht ist. Auf der anderen Seite des Hügels, in der Croix-Rousse, gibt es einen zweiten Typ von Traboules mit anderer Geschichte, die Seidenweber-Durchgänge.
Das Quartier endet an der Saône. Wer dem Ufer folgt, sieht gegenüber die Presqu'île mit der Place Bellecour, und auf dem Hügel im Rücken stehen die Basilika von Fourvière und die römischen Theater, die nur wenige Gehminuten über den Gassen liegen. Zwischen den Traboules reihen sich Läden, Cafés und Restaurants, in vielen davon wird auf Lyoner Art gekocht.
Gut zu wissen: Das Viertel ist mit der Metro (Linie D, Station Vieux Lyon) erreichbar. Die öffentlichen Traboules sind nach Angaben der Stadt meist zwischen 8 und 19 Uhr offen, einzelne Türen sind trotzdem zu, die Zeiten vor Ort prüfen. Es sind Wohnhäuser, also leise sein und die Türen wieder schliessen. Das Kopfsteinpflaster und die Stufen sind für Kinderwagen schwierig. Die Standseilbahn nach Fourvière beginnt im Viertel. Mehr dazu im Reisebericht.
Basilika Notre-Dame de Fourvière
Die Basilika Notre-Dame de Fourvière steht auf dem Hügel westlich der Saône und ist von vielen Punkten der Stadt aus zu sehen. Sie ist 86 Meter lang, 35 Meter breit und bis zu den Turmspitzen 48 Meter hoch. Vier Türme flankieren den Bau, daneben trägt der Turm der älteren Kapelle eine vergoldete Marienstatue, die 1852 von Joseph-Hugues Fabisch geschaffen wurde. Der helle Stein, die dichte Ornamentik und die vielen Türmchen geben dem Gebäude etwas Festungshaftes, und von der Terrasse davor liegt die ganze Stadt ausgebreitet da.

Die Kirche entstand aus einem Gelübde. Lyon schrieb seine Rettung vor der Pest von 1643 der Muttergottes zu, und als 1870 im Deutsch-Französischen Krieg preussische Truppen näher rückten, versprach die Stadt, ihr zum Dank eine Kirche zu bauen. Finanziert wurde sie aus privaten Spenden und einer öffentlichen Sammlung, ohne Staatsgelder. Pierre Bossan entwarf den Bau, 1872 begannen die Arbeiten, 1896 wurde die Basilika eröffnet. Bossan starb vor der Fertigstellung, Louis Sainte-Marie Perrin übernahm die Bauleitung. Die Innenausstattung zog sich bis nach dem Zweiten Weltkrieg hin.
Der Stil ist eklektisch. Bossan verband romanische und byzantinische Formen mit weiteren historischen Elementen, was bei Zeitgenossen nicht nur Zustimmung fand. Im Inneren ist fast jede Fläche gestaltet, mit Mosaiken, Wandbildern und Buntglas. Die Oberkirche ist reich ausgestattet, die Unterkirche schlichter, und in der Krypta befindet sich eine Kapelle des heiligen Joseph. Die Mosaiken zeigen Szenen aus der Geschichte Marias und der Kirche. Neben der Basilika gibt es ein Museum für sakrale Kunst, und für Gruppen werden geführte Besuche angeboten.
Der Name Fourvière wird auf das lateinische «Forum Vetus» zurückgeführt, das alte Forum. Auf diesem Hügel lag das römische Lugdunum, und die Spuren davon sind nur wenige Schritte unterhalb im Römischen Theater zu sehen. In Lyon heisst es, Fourvière sei der Hügel, der betet, und die Croix-Rousse der Hügel, der arbeitet. Die Basilika ist bis heute ein Ort für Gottesdienste und Pilger, und sie zählt rund zwei Millionen Besucher im Jahr.
Mit der Marienstatue verbindet sich ein Brauch. Jedes Jahr ab dem 8. Dezember findet in Lyon vier Tage lang die Fête des Lumières statt, und am Abend des 8. stellen die Lyoner Kerzen in ihre Fenster, als Dank an die Muttergottes. Der Überlieferung nach geht das auf die Einweihung der Statue von 1852 zurück, die wegen eines Hochwassers verschoben worden sein soll und dann im Licht von Kerzen gefeiert wurde. Heute sind daraus Lichtinstallationen in der ganzen Stadt geworden.
Der Aufstieg führt über Treppen und Wege aus dem Vieux Lyon, oder man nimmt die Standseilbahn, die ab dem Bahnhof Vieux Lyon fährt. In Lyon ging die erste Standseilbahn schon 1862 in Betrieb. Von der Terrasse erkennt man Saône und Rhône, das Dächergewirr der Presqu'île mit der Place Bellecour und bei klarem Wetter im Osten die Alpen. Vom Vorplatz führt ein Fussweg hinunter zu den römischen Theatern.
Gut zu wissen: Der Eintritt in die Basilika ist frei. Sie ist laut Tourismusangabe täglich von 7 bis 20 Uhr offen, am Sonntagvormittag bis 12.30 Uhr aber nur für Gottesdienste und Pilger, Zeiten vor Ort prüfen. Die Adresse ist Place de Fourvière 8. Die Standseilbahn ab Vieux Lyon ist Teil des städtischen ÖV, Tarife vor Ort prüfen. Der Fussweg ist steil. Turmbesteigungen und Führungen gibt es nach Anmeldung. Mehr dazu im Reisebericht.
Das Römische Theater
Am Hang von Fourvière steigen die Sitzreihen des Römischen Theaters in einem weiten Halbrund nach oben. Der helle Stein ist an manchen Stellen ausgetreten, an anderen ergänzt, und von den obersten Stufen blickt man über die Bühne hinweg auf die Dächer von Lyon. Das Theater liegt im Gelände von Lugdunum, der römischen Stadt, die auf dem Hügel stand, bevor sich das Leben am Ufer der Saône konzentrierte. Es ist einer der ältesten Bauten der Stadt und wird bis heute bespielt.

Rom ordnete 43 vor Christus eine Siedlung am Zusammenfluss von Saône und Rhône an, als Gründer gilt Lucius Munatius Plancus. Lugdunum wurde zur Hauptstadt der Gallia Lugdunensis und zu einem Verwaltungsmittelpunkt der gallischen Provinzen. Zwei Kaiser wurden in Lyon geboren, Claudius und später Caracalla. Von Claudius ist eine Rede vor dem Senat auf einer Bronzetafel erhalten, der Tafel von Lyon, die heute im Museum neben den Theatern liegt.
Das grosse Theater liess Augustus um 15 vor Christus an den Hang bauen, zunächst für rund 4700 Zuschauer. Unter Kaiser Hadrian wurde es erweitert und bot danach Platz für etwa 10’700 Menschen. Daneben entstand im 2. Jahrhundert das Odeon, mit rund 73 Metern Durchmesser und etwa 3000 Plätzen deutlich kleiner. Es war für Vorträge, Musik und Rezitationen gedacht, während im grossen Theater Tragödien und Komödien aufgeführt wurden. Beide Bauten stützen sich auf den natürlichen Hang, was Aufwand für Unterbauten sparte.
Am Ende der Antike wurden die Anlagen als Steinbruch genutzt und der Hügel überbaut. Erst im 20. Jahrhundert legte man die Ruinen frei, sicherte sie und baute sie teilweise wieder auf. 1905 wurden sie als historisches Monument eingestuft. Neben den Theatern eröffnete 1975 das Museum Lugdunum, entworfen von Bernard Zehrfuss, das Funde aus dem römischen Lyon zeigt. Es liegt am Hang, sodass es die Anlage nicht überragt, und ergänzt den Rundgang um Mosaike, Inschriften und Alltagsgegenstände.
Heute ist das Theater wieder ein Spielort. Jeden Sommer bringt das Festival Nuits de Fourvière Theater, Tanz, Konzerte und Zirkus unter freiem Himmel auf die Bühne, mit der Stadt im Rücken des Publikums. Ausserhalb der Spielzeit ist das Gelände ruhig, und die Stufen eignen sich für eine Pause nach dem Aufstieg. Wer oben sitzt, versteht, warum die Römer ihre Bühnen an Hänge bauten: Der Klang trägt bis in die letzten Reihen.
Das Theater liegt wenige Gehminuten unterhalb der Basilika von Fourvière. Ein Rundgang verbindet beide Orte und führt weiter hinunter ins Vieux Lyon, wo die Traboules beginnen. Die Dimensionen lassen sich am besten von den obersten Rängen abschätzen: Die Bühne wirkt aus der Höhe klein, und der Halbkreis der Stufen öffnet sich zur Stadt hin.
Gut zu wissen: Das Gelände liegt an der Rue de l'Antiquaille im 5. Arrondissement. Der Zugang zur Anlage ist nach Angaben der Stadt frei, Zeiten wechseln mit Saison und Festival, vor Ort prüfen. Das Museum Lugdunum daneben ist kostenpflichtig, Preise und Öffnungszeiten vor Ort prüfen. Auf den Stufen gibt es wenig Schatten. Vom Vieux Lyon führt die Standseilbahn in die Nähe, der Fussweg ist steil. Mehr dazu im Reisebericht.
Place Bellecour und die Presqu'île
Nach den engen Gassen des Vieux Lyon wirkt die Place Bellecour fast leer. Die Fläche misst 312 mal 200 Meter, also 6,2 Hektar, und ist damit nach der Place des Quinconces in Bordeaux und der Place de la Concorde in Paris der drittgrösste Platz Frankreichs. In der Mitte reitet Ludwig XIV. in Bronze, am Westrand blickt man auf den Hügel von Fourvière mit der Basilika. Ringsum stehen Gebäude mit gleichförmigen Fassaden, die dem Platz seinen geschlossenen Charakter geben.

Der Name reicht ins Mittelalter. Im späten 12. Jahrhundert besass der Erzbischof von Lyon hier einen Weinberg, die «Bella curtis», auf Französisch «Beau jardin», der schöne Garten. 1562 ist das Gelände als «Pré de Belle-cour» verzeichnet. 1604 liess Heinrich IV. das Land für einen öffentlichen Platz erwerben, doch die Umsetzung zog sich hin. 1708 kam es in den Besitz von Ludwig XIV., und 1715 wurde die Anlage zur Place Royale, auch Place Louis-le-Grand genannt.
Die Revolution veränderte den Platz. 1793 wurde die königliche Reiterstatue zerstört. 1800 legte Napoleon den Grundstein für den Wiederaufbau der Häuser rundum. Die heutige Reiterstatue von François-Frédéric Lemot wurde 1825 aufgestellt, ihre Teile brauchten für den Transport nach Lyon zwölf Tage. Unter der Dritten Republik erhielt der Platz den Namen Bellecour, den er bis heute trägt.
Am Westende steht eine Statue von Antoine de Saint-Exupéry mit dem Kleinen Prinzen. Sie wurde im Jahr 2000 zum 100. Geburtstag des Schriftstellers und Piloten errichtet, der 1900 in Lyon geboren wurde und dessen Erzählung vom Kleinen Prinzen 1943 erschien. Im Winter wird auf dem Platz ein Riesenrad von 60 Metern Höhe aufgebaut, seit 2006 an dieser Stelle. Unter dem Platz liegt die Metrostation Bellecour, an der sich die Linien A und D kreuzen.
Die Place Bellecour liegt im Herzen der Presqu'île, der Halbinsel zwischen Saône und Rhône. Nach Norden führt die Rue de la République, eine Geschäftsstrasse, zum Rathaus und zur Oper, nach Süden die Rue Victor-Hugo Richtung Perrache. Die Halbinsel gehört zusammen mit dem Vieux Lyon und den Hängen von Fourvière und der Croix-Rousse zum historischen Zentrum, das 1998 ins UNESCO-Welterbe aufgenommen wurde.
Von hier erreicht man zu Fuss die Saône in wenigen Minuten, und über eine der Brücken liegt das Vieux Lyon am anderen Ufer. In der Gegenwart ist der Platz Treffpunkt, Veranstaltungsort und Durchgang. Der Kies reflektiert im Sommer die Sonne, und am Abend färbt sich der Hügel von Fourvière im Westen golden. Der Platz liegt im 2. Arrondissement, und von hier aus lassen sich Vieux Lyon, Croix-Rousse und die Flussufer in kurzer Zeit zu Fuss erreichen.
Gut zu wissen: Der Platz ist jederzeit frei zugänglich und ein guter Ausgangspunkt für die Presqu'île. Die Metrostation Bellecour (Linien A und D) liegt direkt am Platz. Im Sommer gibt es auf der Fläche kaum Schatten, Cafés findet man am Rand. Das Winter-Riesenrad steht nur zeitweise, Daten und Preise vor Ort prüfen. Zum Vieux Lyon gelangt man über die Saône-Brücke in einigen Minuten zu Fuss. Mehr dazu im Reisebericht.
Croix-Rousse und die Seidenweber
Die Croix-Rousse gilt in Lyon als der Hügel, der arbeitet, im Gegensatz zu Fourvière, dem Hügel, der betet. Hier lagen im 19. Jahrhundert die Werkstätten der Canuts, der Seidenweber. Man erkennt es noch an der Bauweise: hohe Häuser mit grossen Fenstern, steile Treppen, hinter manchen Türen Innenhöfe und Durchgänge. Die Maison Brunet, 1824 bis 1826 gebaut, hat sieben Stockwerke, 52 Wohnungen und 365 Fenster.

Die Räume waren so hoch, weil Joseph-Marie Jacquard ab 1804 einen Webstuhl entwickelte, der über Lochkarten gesteuert und von einer Person bedient wurde. Die Maschine war rund 3,90 Meter hoch und wurde an der Decke befestigt. Die Seidenindustrie in Lyon geht auf das 16. Jahrhundert zurück, als König Franz I. italienischen Seidenhändlern Privilegien gewährte. Im frühen 19. Jahrhundert hing ein grosser Teil der Stadt von der Seide ab.
Die Organisation war mehrstufig. Rund 1400 Fabrikanten kontrollierten Finanzierung und Verkauf. Etwa 8000 Webmeister arbeiteten selbstständig an je zwei bis sechs Webstühlen, und rund 30’000 Gesellen und Lehrlinge arbeiteten für sie. Als die Preise fielen und die Fabrikanten die Löhne kürzten, forderten die Weber einen Mindestpreis. Am 26. Oktober 1831 wurde ein Tarif festgelegt, der nach dem Aufstand wieder abgeschafft wurde.
Am 21. November 1831 zogen die Weber unter einer schwarzen Fahne in die Stadt und übernahmen sie zeitweise. Die Regierung schickte rund 20’000 Soldaten unter Marschall Soult und dem Herzog von Orléans, die am 3. Dezember wieder in Lyon einrückten. 1834 folgte ein zweiter Aufstand, vom 9. bis 15. April, die «blutige Woche», mit je nach Schätzung 100 bis über 600 Toten. Rund 10’000 Aufständische wurden verhaftet oder deportiert. Als Losung galt: Vivre en travaillant ou mourir en combattant, arbeitend leben oder kämpfend sterben.
Die Cour des Voraces, ein Treppenhof mit drei Eingängen, hat ihren Namen von einer geheimen Gesellenverbindung, die 1846 gegründet wurde und 1848 vier Monate lang die Forts von Lyon hielt. Das Gebäude wurde zwischen 1992 und 1994 restauriert. Wie im Vieux Lyon verbinden auch hier Traboules die Strassen am Hang mit den Treppen darüber, manche führen durch mehrere Höfe hintereinander und sind Teil des Wohnalltags.
Heute ist das Quartier ein Wohnviertel mit Familien, Künstlern und kleinen Läden. In der Maison des Canuts wird gezeigt, wie Seide am Webstuhl entsteht, und der Verein Soierie Vivante hält die letzten Familienwerkstätten am Leben. Oben auf dem Kamm liegt der Gros Caillou, ein Findling, den ein Gletscher aus den Alpen hierher getragen haben soll. Von der Hügelkante geht der Blick über die Presqu'île zum Hügel von Fourvière.
Gut zu wissen: Die Croix-Rousse erreicht man mit der Metro (Linie C), der Aufstieg über die Treppen von der Presqu'île ist steil. Wie im Vieux Lyon sind die Traboules Wohnhäuser: leise sein und Türen schliessen. Maison des Canuts und Soierie Vivante haben eigene Zeiten und Preise, Angaben vor Ort prüfen. Auf dem Boulevard der Croix-Rousse findet ein Markt statt, Tage vor Ort prüfen. Mehr dazu im Reisebericht.
Les Halles de Lyon Paul Bocuse
Die Markthalle im Stadtteil Part-Dieu trägt seit 2006 den Namen von Paul Bocuse, dem bekanntesten Koch der Stadt. Wer eintritt, steht zwischen Käseauslagen, Wurstwaren, Patisserie und Schokolade, an Stehtischen essen Leute Austern oder trinken ein Glas Weisswein. Die Halle ist im Alltag ein Markt, auf dem Lyoner einkaufen, und zugleich ein Ort, an dem sich die Esskultur der Stadt gut ablesen lässt. Hinter den Theken stehen Händler, die ihre Käse, Würste und Pralinen im Einzelnen erklären.

Der Markt ist älter als das Gebäude. Von 1859 bis 1971 stand die Halle an der Place des Cordeliers im 2. Arrondissement. Im Februar 1971 eröffnete Bürgermeister Louis Pradel die neue Halle im 3. Arrondissement, in einem Stadtteil, der damals zum Geschäftsviertel ausgebaut wurde. Heute stehen in Part-Dieu über 1,6 Millionen Quadratmeter Büroflächen und mehr als 55’000 Arbeitsplätze, der gleichnamige Bahnhof liegt in der Nähe. 2006 wurde die Halle erneuert und nach Bocuse benannt, der zustimmte.
Bocuse lebte von 1926 bis 2018 und begann seine Laufbahn in der Küche der Mère Brazier, einer der Mères lyonnaises. Diese Köchinnen hatten zunächst für bürgerliche Familien gekocht und eröffneten im frühen 20. Jahrhundert eigene Lokale, mit einfachen, sorgfältig gemachten Gerichten wie Poularde in der Schweinsblase. Das Restaurant der Mère Brazier besteht seit 1921, 1933 wurden ihre Häuser mit Michelin-Sternen ausgezeichnet. Auf dieser Tradition beruht Lyons Ruf als Stadt der guten Küche.
Rund 58 Stände bieten regionale Spezialitäten an. Dazu gehören Käse wie der Saint-Marcellin, Wurstwaren, Quenelles, kandierte Früchte, Pralinen, Patisserie und Schokolade, ausserdem Fisch, Austern, Schnecken und Froschschenkel. Zu den Lyoner Besonderheiten zählt die rosa Praline, die in der Tarte aux pralines roses wiederkehrt. An einzelnen Ständen lässt sich auch etwas Kleines essen, am Tresen oder an Stehtischen.
Das Dach der Halle ist begrünt und soll künftig als öffentlicher Garten zugänglich werden. Für Reisende ist die Halle ein guter Ort, um Mitbringsel zu kaufen oder ein einfaches Mittagessen aus mehreren Ständen zusammenzustellen. Käse und Wurst lassen sich in kleinen Mengen kaufen, und die Verkäufer lassen oft probieren und geben Auskunft zu Herkunft und Reifung.
Wer sehen will, wo die Zutaten landen, findet die Antwort in den Bouchons der Stadt, wo Quenelles, Saint-Marcellin und Pralinentarte auf den Tellern wiederkehren. Die Halle liegt etwas ausserhalb der Presqu'île, auf der anderen Seite der Rhône, und lässt sich mit der Metro oder zu Fuss vom Bahnhof Part-Dieu aus erreichen. Wer von der Place Bellecour kommt, nimmt am besten die Metro.
Gut zu wissen: Die Halle liegt im 3. Arrondissement, in der Nähe des Bahnhofs Part-Dieu. Laut Tourismusseite ist sie täglich von 7 bis 22.30 Uhr geöffnet und montags geschlossen, dazu an einzelnen Feiertagen wie dem 1. Januar, 1. Mai, 14. Juli und 25. Dezember. Die Stände haben eigene Zeiten, vor Ort prüfen. Am Vormittag ist es ruhiger. Bargeld und eine Tasche sind praktisch. Mehr dazu im Reisebericht.
Bouchons lyonnais
Karierte Tischtücher, dicht gestellte Tische und Wände voll alter Fotos: Ein Bouchon ist ein Lokal mit Lyoner Küche, kräftig, sättigend und ohne Schnörkel. Die Gäste sitzen eng nebeneinander, die Teller sind schwer und riechen nach Rahm, Wein und Zwiebeln. Dazu gibt es meist einen Krug Beaujolais oder einen Côtes du Rhône. Wer hier isst, nimmt sich Zeit.

Das Wort «bouchon» bezeichnete im 16. Jahrhundert ein Bündel aus gedrehtem Stroh, das als Wirtshauszeichen über der Tür hing und später auf das Lokal selbst überging. Die Tradition geht auf kleine Gasthäuser zurück, in denen im 17. und 18. Jahrhundert Seidenarbeiter und Handwerker verkehrten. Die Küche passte zu Menschen, die körperlich arbeiteten: Innereien, Würste, Schweinefleisch, einfache Beilagen und Wein zum Trinken.
Eine zweite Wurzel liegt bei den Mères lyonnaises, Köchinnen, die zunächst für bürgerliche Familien gekocht und im frühen 20. Jahrhundert eigene Restaurants eröffnet hatten. Die Mère Brazier führt seit 1921 ein Haus, und Paul Bocuse begann in ihrer Küche. Der Begriff Bouchon selbst ist nicht geschützt, und so nennen sich auch Lokale so, die mit der Tradition wenig zu tun haben. Deshalb gibt es ein Label.
Seit 1997 vergibt der Verein von Pierre Grison jährlich die Auszeichnung «Authentique Bouchon Lyonnais». Zertifizierte Lokale tragen einen Aufkleber mit Gnafron, einer Marionette und Symbolfigur Lyons, die ein Glas Wein in der einen und eine Serviette mit dem Lyoner Wappen in der anderen Hand hält. Etwa zwanzig Lokale führen das Label, mehr nennen sich Bouchon. Gnafron gehört zum Lyoner Marionettentheater um Guignol.
Auf den Karten stehen Salade lyonnaise, ein Blattsalat mit Speck, Croûtons und pochiertem Ei, Quenelles de brochet, Hechtklösschen in Sauce, Andouillette, eine Wurst aus Innereien, Coq au vin und Tablier de sapeur, paniertes Kuttelstück. Cervelle de canut, wörtlich «Hirn des Seidenwebers», ist ein Frischkäse mit Kräutern, der Name ein Scherz auf die Weber von der Croix-Rousse. Zum Abschluss gibt es Saint-Marcellin oder eine Tarte aux pralines roses. Die Zutaten dazu findet man in den Halles de Lyon.
Nicht jeder Teller entspricht jedem Geschmack. Viele Gerichte enthalten Innereien, die Portionen sind gross, und vegetarische Angebote sind in klassischen Bouchons selten. Wer Fleisch meidet, fragt am besten schon bei der Reservation nach. Weil das Gespräch am Tisch zum Abend gehört, dauert ein Essen oft zwei Stunden. Den Wein bringt man häufig im Krug, Beaujolais stammt aus der Gegend nördlich von Lyon. Mittags bieten viele Lokale ein Menü mit mehreren Gängen an.
Gut zu wissen: In den meisten Bouchons ist eine Reservation sinnvoll, besonders am Wochenende und abends. Viele haben Ruhetage, oft Sonntag oder Montag, vor Ort prüfen. Der Gnafron-Aufkleber an der Tür zeigt das Label an. Preise und Menüs ändern sich, vorab auf der Karte nachsehen. Die Altstadt rund um die Rue Saint-Jean hat viele Lokale, auch solche für Touristen, daher Bewertungen und Label vergleichen. Mehr dazu im Reisebericht.
Saône und Rhône
Zwei Flüsse prägen Lyon, und man bemerkt es auf jedem Spaziergang. Die Saône, die in den Vogesen entspringt, fliesst ruhig und breit am Fuss des Vieux Lyon vorbei und spiegelt Fassaden und Brücken. Die Rhône kommt aus den Alpen, in der Schweiz vom Rhonegletscher im Wallis über den Genfersee, und bringt mehr Tempo mit, mit weiten Ufern und Wegen für Läufer und Velofahrer. Zwischen beiden liegt die Presqu'île, die Halbinsel, auf der das Zentrum steht.

Die Lage erklärt die Gründung. Rom ordnete im Jahr 43 vor Christus eine Siedlung am Zusammenfluss an, und Lugdunum entstand auf dem Hügel von Fourvière. Am Ufer der Saône bestand schon vorher die gallische Siedlung Condate, ein keltisches Wort für Zusammenfluss. Auf den beiden schiffbaren Flüssen wurden Waren transportiert, und die Wege zwischen Hang und Ufer erklären zum Teil den Ursprung der Traboules im Vieux Lyon.
Die Römer sahen im Zusammentreffen zweier schiffbarer Flüsse einen strategischen Vorteil, und Handel und Verkehr liefen hier früh zusammen. Heute zählt die Stadt rund 520’000 Einwohner auf 47,87 Quadratkilometern, im Grossraum leben über 2,3 Millionen Menschen, damit ist Lyon nach Paris und Marseille die dritte Stadt Frankreichs. Neun Arrondissements verteilen sich auf beide Flussufer und die Halbinsel. Die Höhe schwankt zwischen 162 und 349 Metern, was man beim Aufstieg nach Fourvière und zur Croix-Rousse merkt.
Im Süden der Presqu'île treffen die Flüsse aufeinander und fliessen gemeinsam weiter. Dort entstand das Quartier Confluence, ein früheres Hafen- und Industrieareal, das zu einem Stadtteil mit Wohnungen, Büros und Kultur umgebaut wurde. Das Musée des Confluences, ein Museum für Naturwissenschaften und Anthropologie, eröffnete am 20. Dezember 2014 an der Spitze der Halbinsel. Seine Architektur stammt vom Büro Coop Himmelb(l)au.
Das Wasser ist im Alltag präsent. Das Leihvelo-System Vélo'v zählt rund 340 Stationen, und viele Wege am Fluss lassen sich zu Fuss oder mit dem Velo gehen. Wer den Unterschied zwischen den Flüssen erleben will, geht einmal an der Saône entlang, durch das Vieux Lyon, und einmal an der Rhône, mit Blick auf die Presqu'île. Die Brücken verbinden die drei Stadtteile und bieten Aussicht auf Hügel und Dächer. Am linken Ufer der Rhône liegt der Parc de la Tête d'Or mit 117 Hektar. Die Metro hat vier Linien mit 42 Stationen, die Presqu'île, Part-Dieu und Croix-Rousse verbinden.
Beide Ufer gehören zum historischen Zentrum, das 1998 ins UNESCO-Welterbe aufgenommen wurde. Die Presqu'île mit der Place Bellecour liegt in der Mitte, das Vieux Lyon an der Saône und die Croix-Rousse im Norden zwischen den Flüssen. Von der Terrasse bei der Basilika von Fourvière lässt sich der Verlauf beider Flüsse bei klarem Wetter weit verfolgen.
Gut zu wissen: Die Ufer sind frei zugänglich und gut zu Fuss oder mit dem Velo zu erkunden. Von der Place Bellecour sind es zur Saône und zur Rhône jeweils wenige Gehminuten. Zum Musée des Confluences fährt man von der Place Bellecour mit Tram oder Bus, Fahrzeit, Öffnungszeiten und Eintritt vor Ort prüfen. Am Wasser gibt es im Sommer kaum Schatten. Mehr dazu im Reisebericht.