Das rote Dach am stillen Kap.
Am nördlichsten Rand wird Mauritius leiser. Eine Kapelle am Wasser, offene Blicke zu den Inseln und Fischerboote, die den Rhythmus des Morgens bestimmen: Cap Malheureux und Grand Gaube liegen nah beieinander und wirken doch wie der ruhige Ausklang einer bewegten Küste.
Ganz im Norden wird aus dem Trubel von Grand Baie wieder Stille – und aus einem Kirchturm ein Fotomotiv, das kaum ein Mauritius-Buch auslässt. Notre-Dame Auxiliatrice, die kleine Kapelle mit dem markanten roten Dach, steht nur wenige Schritte vom Wasser entfernt, mitten in einem Fischerdorf, das seinen eigenen Namen der Kirche längst untergeordnet hat. Drinnen, kaum grösser als ein Wohnzimmer, das vielleicht ungewöhnlichste Detail: ein Weihwasserbecken, geschnitzt aus einer einzigen Riesenmuschelschale. Von aussen der Blick, den man von unzähligen Fotos kennt, auch ohne je hier gewesen zu sein – hinaus aufs Wasser, zu Coin de Mire und den anderen vorgelagerten Inseln, die von hier wie hingetupft im Blau liegen.
Woher der Ortsname «Cap Malheureux» – das Unglückskap – tatsächlich stammt, ist nicht abschliessend geklärt: Manche verweisen auf die britische Landung von 1810, mit der die Insel den Franzosen abgenommen wurde, andere auf die einstige Armut der Gegend, wieder andere auf die tragische Liebesgeschichte von Paul und Virginie, in der Virginie vor genau dieser Küste ertrinkt. Ein Ort mit mehreren möglichen Unglücksgeschichten also – wovon am Ende nur die freundliche rote Kirche übrig geblieben ist.
Wo Fischerboote den Takt geben.
Coin de Mire selbst, auf Englisch nüchterner «Gunner's Coin» genannt, ist unbewohnt, keine acht Kilometer vor der Küste, rund 76 Hektar gross und bis zu 163 Meter hoch – von Land aus mehr Silhouette als Insel, aber ein beliebtes Ziel für Bootsausflüge, die in Grand Baie oder Grand Gaube ablegen. Unter Wasser fällt ihre Steilwand, «The Wall» genannt, so tief ab, dass sie zu den bekanntesten Tauchspots der Insel zählt; in den Gewässern drumherum werden zu bestimmten Jahreszeiten sogar Wale gesichtet. Wir sahen die Insel nur von Land aus, ein blauer Schatten am Horizont – genug, um sich vorzustellen, wie viel unter der Wasseroberfläche unsichtbar bleibt.
Ein Stück weiter östlich, in Grand Gaube, wird die Insel noch einmal langsamer. Kein Bazar, keine Strandpromenade, stattdessen ein Fischerdorf, das genau das geblieben ist: Boote, die am Morgen auslaufen, Fischverkäufer, die den Fang direkt an Land feilbieten, und eine Ruhe, die zehn Kilometer von Grand Baie entfernt kaum vorstellbar wirkt. Von hier legen, genau wie von Cap Malheureux, auch die Ausflugsboote zu den nördlichen Inseln ab – Grand Gaube ist also weniger Endpunkt als leiser Ausgangspunkt für alles, was noch weiter draussen liegt. Auch hier, wie schon in Balaclava, kommt bei Ebbe dasselbe dunkle Vulkangestein zum Vorschein, glattgeschliffen von Wind und Wasser – ein stiller Hinweis darauf, dass der ganze Norden, aller Sandstrände und Lagunen zum Trotz, letztlich vulkanischen Ursprungs ist, genau wie die Insel als Ganzes.



Von der Küste ging es für uns als Nächstes ins Landesinnere, zum einzigen Ort dieses Kapitels ohne Meerblick: dem Botanischen Garten von Pamplemousses.