Der Garten, der die Insel veränderte.
Zwischen Palmen, Gewürzbäumen und riesigen Seerosen erzählt Pamplemousses keine abgeschlossene Naturgeschichte. Der Garten ist Ergebnis von Handel, botanischem Ehrgeiz und kolonialer Konkurrenz – und zeigt, wie Pflanzen die Ordnung ganzer Inseln verändern konnten.
Einer der ersten Vormittage im Norden sieht ganz anders aus als die Tage am Strand. Kein Sand, kein Meeresrauschen, stattdessen schattige Alleen unter 85 verschiedenen Palmenarten, die aus aller Welt hierher verpflanzt wurden – der Sir Seewoosagur Ramgoolam Botanical Garden in Pamplemousses, mit 37 Hektar der älteste botanische Garten der gesamten Südhalbkugel.
Angelegt wurde er 1767 vom französischen Verwalter Pierre Poivre – ein Name, der für einen Gewürzgarten fast zu passend klingt, um wahr zu sein. Poivre war mehr als nur ein ambitionierter Gärtner: Er liess Muskatnuss- und Gewürznelkenpflanzen aus den von den Holländern streng bewachten Molukken herausschmuggeln, um deren jahrhundertelanges Gewürzmonopol zu brechen, und pflanzte sie hier auf Isle de France, wie Mauritius unter französischer Herrschaft hiess. Dieselben Holländer, die andernorts auf der Insel das Ebenholz abholzten, verloren ausgerechnet hier ihr wertvollstes Handelsgeheimnis.
Gewürze, Giganten, vergessene Mauern.
Das Herzstück des Gartens ist trotzdem kein Gewürzbaum, sondern ein Teich: In den 1930er-Jahren angelegt, treiben hier die Blätter der Amazonas-Riesenseerose, jedes davon über einen Meter im Durchmesser, mit hochgebogenem Rand wie ein flacher grüner Kuchenteller. Ihre Blüten wechseln innerhalb von zwei Tagen die Farbe – am ersten Abend weiss, um Käfer anzulocken, am nächsten Tag bereits rosa. Wir sahen nur einen Ausschnitt dieses Zyklus, aber selbst das reichte, um zu verstehen, weshalb dieser Teich das meistfotografierte Fleckchen des ganzen Gartens ist.
Ein Stück weiter warten die Riesenschildkröten von Aldabra in ihrem Gehege – schwerfällig, uralt wirkend, meist mit dem Kopf im Gras vergraben. Kein spektakulärer Anblick, eher ein stiller, fast beiläufiger, der nach dem Trubel der vergangenen Tage an der Küste gut passte. Dazu, versteckt zwischen den Alleen, das Château de Mon Plaisir, ein zweistöckiges Kolonialhaus von 1823, das einst den Gartendirektoren als Wohnsitz diente und heute ein kleines Museum beherbergt.



Nur wenige Fahrminuten vom Garten entfernt liegen die Ruinen der Old Powder Mill, einer ehemaligen Schiesspulverfabrik – deren allererste Anlage 1774 nicht hier, sondern in Balaclava stand, wo unsere Zeit im Norden begonnen hatte, und dort explodierte. Der Nachfolgebau in Pamplemousses ging 1775 in Betrieb und belieferte die französische Armee mit Munition, bis die Produktion nach der britischen Eroberung 1810 eingestellt wurde. Danach diente das Gelände nacheinander als Gefängnis, Waisenhaus und Leprastation. Unter den Gefangenen: der ceylonesische Prinz Eyhelepola Wijesoondra, einst Premierminister des Königreichs Kandy, der hier 1829 im Exil starb – ein kleines Denkmal im schattigen Wald erinnert bis heute an ihn. Von der einstigen Fabrik ist nur noch verfallenes, von Bäumen überwuchertes Mauerwerk übrig, heute ein stiller Naturpfad statt einer belebten Sehenswürdigkeit.
Chronologisch lag dieser Ausflug ins Landesinnere noch früh in unserer Zeit im Norden – als Abschluss dieses Kapitels passt er trotzdem, denn er schliesst einen Kreis: Was in Balaclava seinen Anfang nahm, fand in Pamplemousses seine Fortsetzung, so wie der Norden selbst immer wieder zwischen Küste und Landesinnerem, zwischen Trubel und Stille pendelte, unabhängig davon, an welchem Tag wir wo waren. Von den lauten Bars und Strandpromenaden bei Grand Baie über die stille Lagune vor unserer Villa bis zu diesem schattigen Waldstück – der Norden hatte uns beide Seiten gezeigt, oft im Wechsel innerhalb desselben Tages. Was blieb, war weniger ein einzelnes Bild als genau dieser ständige Wechsel selbst, und die Ahnung, dass es im Hochland, dem zweiten Teil dieses ersten Bandes, noch einmal leiser und kühler werden würde.