Mauritius · Der Norden

Laute Küste, stille Lagune.

Der Norden lebt von seinen Gegensätzen: von geschützter Stille am Morgen und dem lebhaften Rhythmus von Grand Baie, von fast reglosem Wasser hinter dem Riff und einer Küste, die im Lauf des Tages lauter wird.

Wir sind früh am Morgen gelandet und gegen halb elf in unserem Homestay bei der Turtle Bay in Balaclava angekommen – einer Villa mit eigenem Pool in einer abgeschlossenen Wohnanlage, aber ohne eigenen Meerzugang. Der erste Tag gehört ohnehin nicht dem Meer, sondern dem Ankommen: einrichten, ein erster Einkauf für die Küche, das Frühstück, das wir in den kommenden Wochen fast immer zuhause einnehmen werden statt im Hotel. Das Meer liegt nur wenige Autominuten entfernt, nah genug, dass es rasch zur Gewohnheit wird – und an manchen dieser Tage trafen wir dort auf eine Stille, die wir sonst selten sahen: das Wasser fast reglos, das Riff draussen bricht die Dünung zu einem gleichmässigen, fernen Rauschen, ausser ein paar Fischern, die mit ihren Booten hinausfahren, niemand zu sehen. Kein Bild, das sich oft wiederholte – nicht weil es sich änderte, sondern weil wir es meistens verschliefen. Unsere Villa mit ihrem Pool war Rückzugsort genug, dass wir es mit dem frühen Aufstehen selten eilig hatten.

Der Norden ist die am dichtesten touristisch erschlossene Ecke der Insel, mit der grössten Zahl an Hotels und Resorts entlang der Küste zwischen Balaclava und Cap Malheureux – nach unserem Eindruck vor Ort und dem, was die Reiseführer bestätigen, auch die belebteste Region überhaupt. Das Riff verläuft hier besonders nah an Land und schützt eine breite, ruhige Lagune, die sich – anders als im wilderen Süden – fast über die gesamte Küstenlinie zieht. Genau das macht die Gegend zum touristischen Schwerpunkt: flaches, warmes Wasser, kaum Brandung, ideal zum Baden, Schnorcheln und für Wassersport aller Art.

Zwischen Riff und Alltag.

Dass es ausgerechnet der Norden ist, der so viele Badeurlauber anzieht, hat auch klimatische Gründe. Der Südostpassat gibt seine Feuchtigkeit vor allem an den Berghängen im Südosten der Insel ab; der Nordwesten liegt dagegen im Windschatten des zentralen Hochlands – trockener, sonniger und spürbar windstiller als die Ost- und Südküste, wo sich eher Kite- und Windsurfer als Badegäste versammeln. Ein Effekt, den man nicht sieht, aber jeden Tag am eigenen Körper spürt.

Dass ausgerechnet dieser Küstenabschnitt zum touristischen Zentrum der Insel wurde, hat aber auch mit seiner Geschichte zu tun. Grand Baie, heute das pulsierende Herz des Nordens, war Berichten zufolge bis in die 1960er-Jahre kaum mehr als ein Fischerdorf – schon die ersten holländischen Seefahrer sollen die weit geschwungene Bucht «De Bogt Zonder Eyndt» genannt haben, die Bucht ohne Ende. Erst mit dem aufkommenden Tourismus in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wuchsen hier Hotels, Restaurants und Yachthäfen aus dem Boden, wo zuvor vor allem Fischerboote lagen.

Diese Mischung aus geschützter Ruhe am Morgen und spürbarem Betrieb, sobald der Tag fortschreitet, sollte sich in den folgenden Tagen wiederholen – auch für uns, allerdings weniger als durchgeplante Route, mehr als lose Abfolge. An einem Tag blieben wir einfach am Strand bei Turtle Bay, an einem anderen zogen wir weiter zu einem der Resorts in der Nähe, an wieder einem anderen sassen wir abends in Grand Baie, wo aus der morgendlichen Stille plötzlich Bars, Musik und Verkehr wurden. Auf diese lose Art haben wir die meisten der bekannten Strände im Norden gesehen, ohne sie bewusst abzuklappern. Dazwischen lag ein Blick auf die rote Kirche von Cap Malheureux, die man von jedem zweiten Mauritius-Foto kennt, ein Abstecher in die ruhigeren Buchten im äussersten Norden – und, an einem späteren Vormittag, ein Besuch im Botanischen Garten von Pamplemousses, der uns zeigte, dass diese Region mehr ist als nur ihre Strände.

Grand Baie · geschützte Lagune
Grand Baie · geschützte Lagune
Cap Malheureux · Notre-Dame Auxiliatrice
Cap Malheureux · Notre-Dame Auxiliatrice
Pamplemousses · Riesenseerosen
Pamplemousses · Riesenseerosen

Bevor wir dorthin kommen, beginnt die Geschichte dort, wo sie für uns begann: an der Küste zwischen Balaclava und Pointe aux Piments.